Worst of the worst

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(Gute Platten kann jeder) Vol. 1

Vorneweg zur Erklärung, dass es bei dieser Reihe nicht um die schlechtesten Bands und Platten an sich geht, sondern um Bands mit guten Scheiben, die im eigenen Œuvre einen absoluten Stinker haben, den sie heute noch bereuen oder wofür sie sich schämen müssten, je nachdem wie es um die Selbstreflexion bestellt ist. Die Sorte Scheiben, die Bands, einmal darauf angesprochen, bei Interviews gerne mit „nächste Frage“ übergehen würden. Schlechte Platten von furchtbaren Bands wären schlicht zu einfach, deswegen gibt es hier auch keine Platten von Heino, NICKELBACK, PUR, strunzdummen Logopädie-Rappern oder deutschsprachigem Verliererrock. Die Herausforderung bestünde ja lediglich in der Qual der Wahl. Wo anfangen, wo aufhören? Nein, nein, einfach kann jeder. Die Auswahl der Tonträger und Bands erfolgte selbstverständlich rein subjektiv, und es geht mir am Arsch vorbei, ob sich ein oder zwei Leute zu einer der Scheiben nicht doch heimlich die Wurst pellen, weil sie vielleicht musikalische „Querdenker“ sind, die als Einzige die Genialität dahinter verstehen. Manche Dinge möchte ich einfach gar nicht wissen.

SS DECONTROL
Break It Up (1985)

Es gibt Labels, denen ich als Totengräber ein eigenes 1-Euro-Fach in jedem Plattenladen zugestehen würde. Homestead ist so eines. Ein Label, das Bands oft erst dann zu sich geholt hat, als sie so richtig, richtig schlecht waren oder wurden, eben weil sie auf Homestead ankamen und es „geschafft“ hatten.
Bei „Break It Up“ hatte ich mich beim Kauf noch gewundert, warum die mit fünf Mark so verdammt billig war. Bis dahin kannte ich lediglich die „The Kids Will Have Their Say“ und ihren Meilenstein, die „Get It Away“, die beide als Blaupause für zig Nachfolgebands dienten. Gut, das billige Paintbrush-Cover hätte ein kleiner Wink mit einem Betonpfeiler sein können, aber die paar Mark ... Das Ding bereitet mir tatsächlich heute noch echte Schmerzen, wenn es auf dem Plattenteller liegt. Auch wenn man das Hintergrundwissen um eine der besten Boston-Hardcore-Bands ihrer Zeit nicht hätte, die ersten beiden Alben nicht kennen würde, wäre das hier immer noch eine strunzlangweilige, uninspirierte Hardrock-Scheibe aus dem Stützkurs der Musik-AG der 13a. Mit dem Wissen, dass eine der härtesten Bands aus Boston in Gestus und Sound sich musikalisch und textlich derart herunterwirtschaften könnte, macht es aber tatsächlich unerträglich.
Auf der Habenseite: Springa klingt nicht wie eine Dramaqueen mit zu engen Spandexhosen, die im Schritt kneifen. Produziert ist es auch vernünftig. Lou Giordano holte aus dem Mist immer noch das Maximum heraus, jedenfalls soundtechnisch. Fertig! Das war’s. Auf der anderen Seite: Austauschbare Songs aus der 08/15-Hardrock-Hölle mit strunzdummen Texten, von denen kein einziger haften bleibt. Bei einer Schülerband mit einem Durchschnittsalter von 15 Jahren würde man schon nach drei Stücken an die Bar verschwinden oder aufs Klo, um sich dort die Nase zu pudern, denn anders erträgt man das nicht auf die Länge einer ganzen LP. Und dann wäre da noch das absolute Grauen, das sich wie ein Güllestrom durch absolut jedes Lied zieht, oft sogar mehrfach: Gniedelgniedelgiiiiiiiedeldideldidel. Wenn man dann denkt, es wäre vorbei, kommt gleich noch eins hinterher: Gnidellideldididideldü ... dididideldideldidel. Müsste man dem Gitarrenwichser jedes Mal eine auf den Hinterkopf hauen, wenn er unnötig wieder vor sich hin masturbiert, hätte man bereits nach der A-Seite taube Finger. Solo an Solo in überlangen Songs. Es gibt schlechte Horrorfilme aus Italien mit solchen Soundtracks, Bands, die bei den Bundys so einen Sound als Parodie spielen, aber ernsthaft? Wer die „How We Rock“-LP schon nicht mag, kann hier seinen Horizont in der Vertikalen erweitern. 28. Untergeschoss: SSD mit langen Haaren und vielen Parts für leidenschaftliche Luftgitarrenspieler, die eine Entschuldigung brauchen, warum sie sich im Pit unbeholfen an den Eiern herumspielen.
Diese Platte wird nur noch vom Aufeinandertreffen von Al Barile und Springa in der Doku „American Hardcore“ getoppt. 20 Grad Temperatursturz im Raum, Eiseskälte und der Beleg dafür, dass Blicke alleine leider nicht töten können. Man möchte Al Barile heute gerne fragen, wie sehr er sich rückblickend für die Grütze schämt, wenn er das überhaupt tut. Erstaunlich ist, dass es eine ganze Reihe Bands gibt, die denselben Weg zu unterschiedlichen Zeiten gegangen und sich nahezu alle auf die Schnauze gelegt haben. Zwei Jahre später haben die NECROS mit „Tangled Up“ eine vergleichbare Strecke zurückgelegt (auf Restless Records, die ein ähnliches Händchen hatten wie Homestead), allerdings ist das Ergebnis da nicht ganz so schrecklich belanglos ausgefallen wie in Boston. Es werden übrigens Wetten angenommen, ob sie bei der leider nun doch anstehenden Reunion irgendwas von dieser Schandtat spielen werden.
Die Entschuldigung für den Besitz dieser Scheibe: Wenn ungebetene Gäste einfach nicht gehen wollen. Für den Fall, dass ich irgendwann einmal ein privates Guantanamo eröffne, braucht es Tonträger wie diese.

DAF
Fünfzehn neue DAF Lieder (2003)

Der Umstand, dass es offenbar immer noch ignorante Tourveranstalter gibt, die nach dem antiquierten Prinzip „Keine neue Platte, keine Tour, die Fans wollen neue Sachen hören“ verfahren, wird es auch immer Bands geben, die trotz akuter Verstopfung irgendetwas herauspressen, Hauptsache, es ist „neu“. Dass davon auf der begleitenden Tour maximal drei Lieder auf der Setlist landen, bei denen im Saal betretenes Schweigen herrscht und von denen eine Tour später schon keiner mehr auf dem Zettel steht, gehört zu den zahlreichen unsinnigen Randnotizen im Musikbusiness. Wer 2003 nur wegen „Fünfzehn neue DAF Lieder“ zu einem Konzert von DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT pilgerte, kauft sich auch eine 300 Seiten starke Autobiografie eines D-Promis nur wegen des zweiseitigen Vorworts von René Weller, oder er schmeißt sein altes Waschmittel weg, weil es jetzt eines gibt, auf dessen Verpackung jemand „neu!“ hat drucken lassen. Dass die Wiederholung alter Formeln mit leichten Änderungen nicht immer funktioniert, belegt „Fünfzehn neue DAF Lieder“ eindrucksvoll. Waren das noch Zeiten, als man in den Achtzigern mit einem frisch ausgepackten, nagelneuen Instrument, ohne die Gebrauchsanleitung gelesen zu haben, nur beim Herumschrauben, noch problemlos eine Platte produzieren konnte, weil die anderen lieber den japanischen Text des Sequenzers übersetzen ließen, als einfach mal zu machen. Kurze, präzise Textversatzstücke drüber, Schlagzeug, fertig. 2003 sah das schon anders aus. Die gewollte Radikalität der Texte, die Anfang der Achtziger in drei Sätzen auf den Punkt genau saßen, sind hier halbe Romane, die Sequenzerbeats gab es beim Media Markt von Koch-Software als heruntergesetztes Bundle, und das präzise Schlagzeugspiel musste damals auch programmiert werden, weil Robert Görl in der Reha war. Klingt exakt nach dem, was es ist: nach Drumcomputer. Niemand wollte neue Songs von DAF hören, niemand will neue Songs von SISTERS OF MERCY hören. Eine Platte, die so überflüssig ist wie eine Reunion von MUSICAL YOUTH.
Lediglich gekauft, in der Hoffnung, dass es was taugt, dann behalten, weil das Porto und die Gebühren auf allen gängigen Plattformen höher wären als der Erlös.

KRAFTWERK
Electric Café (1986)

Wenn man von der Zeit überholt wird, weil man fünf Jahre lang nicht aus dem Knick kommt, sich jeder Depp einen mittlerweile erschwinglichen Synthesizer im Laden kaufen konnte, ohne ihn anschließend selber zusammenlöten zu müssen, sollte man es einfach lassen. Oder man muss schon etwas bahnbrechend Neues abliefern, um nicht vom Pionier zum Alteisen zu werden. Liefert man aber nur eine kreuzbrave Scheibe wie „Electric Café“ ab, die bereits vor der Testpressung antiquiert klingt, muss man sich nicht wundern. Halten wir fest, dass KRAFTWERK 1981 mit „Computerwelt“ ihre letzte wirklich relevante LP veröffentlicht haben, um damit unzählige Musiker nachhaltig zu beeinflussen. Der Rest ist eine gekonnte Eigenvermarktung des bis dahin geschaffenen Lebenswerks. Wenn ein paar Trottel einen EXPO-Werbejingle für über 200.000 Euro in Auftrag geben, den sie auch bekommen, kann man nur den Hut ziehen, denn dann hat man es geschafft. Im KRAFTWERK-Kanon das in seiner Zeit am wenigsten innovative Album, das mit „Techno pop“ immerhin einen zitierfähigen Songtitel aufweist. War Bestandteil der Box, eine andere Entschuldigung habe ich nicht.