ISOSCOPE

Foto© by A. Riekstina

Grenzen verschieben

Ein Isoscope kann vieles sein, habe ich gelernt. Ein ISOSCOPE kann zum Beispiel eine unglaublich sympathische junge Post-Punk-Band aus Berlin sein, die gerade mit „Conclusive Mess“ ihr zweites stilbildendes Album veröffentlicht hat. Mit Merle und Philipp sprach ich aber nicht nur über das neue Album – und viel gelacht haben wir auch.

2021 habt ihr in einem Interview auf die Frage, wo ihr euch in drei Jahren seht, geantwortet, dass bis dahin ein weiteres Album erschienen und eine Tour geplant sein soll. Wo stehen ISOSCOPE im Herbst 2023?

Philipp: Genau da, wo wir uns damals gesehen haben. Unser neues Album „Conclusive Mess“ ist aufgenommen und erschienen.
Merle: Und im Januar gehen wir auf Tour. Ein paar Termine sind auch für Februar geplant. Es ist vieles noch in Planung. Ein paar Städte stehen aber inzwischen fest. Das ist mega cool, weil wir seit ein paar Monaten wieder richtig Bock haben, live zu spielen.
Philipp: Wir sind auch so schon ganz gut rumgekommen, aber haben nie längere Touren gespielt. Wir waren höchstens mal ein Wochenende unterwegs. Die Möglichkeit, jetzt mal eine Woche durchzuspielen, ohne sich um das Booking kümmern zu müssen, ist schon schön. Außerdem hatten wir in dem Interview damals noch gesagt, dass wir das Release-Konzert zum neuen Album in einer Berliner Kneipe spielen wollen. Auch das fand in den B.L.O.-Ateliers statt.

Und das trotz der Pandemie-Unterbrechung?
Philipp: Die Auswirkungen von Corona spüren wir schon bis heute. Fast noch mehr spüren wir aber die Folgen des Krieges gegen die Ukraine, weil einfach vieles teurer geworden ist. Zum Beispiel, sich einen Van für Anreisen zum Konzert zu mieten und zu betanken. Dass Clubs von den Corona-Folgen immer noch betroffen sind, ist natürlich auch nicht von der Hand zu weisen. Sehr viele kleinere Clubs, vor allem die ganzen DIY-Spaces, haben unter Corona am meisten gelitten. Auch in Berlin gingen viele dieser Orte verloren. Die Spaces, die an Institutionen angebunden sind, haben es ganz gut durch diese Zeit geschafft. Ich habe aber das Gefühl, dass aktuell weniger neue Clubs eröffnet werden.
Merle: Ich sehe das auch so. Es werden mehr Clubs geschlossen als eröffnet. Aber die „Zukunft“ macht am Ostkreuz neu auf. Die Location war der Gentrifizierung zum Opfer gefallen, aber immerhin haben sie einen neuen Standort gefunden. Das ist auch ein kleiner Hoffnungsschimmer für uns. Ich bin vor allem froh, dass es überhaupt wieder möglich ist, Gigs zu spielen, das einfach wieder etwas Normalität Einzug hält für Bands, die live spielen wollen. Eigentlich bin ich in letzter Zeit mit Blick auf Corona wieder ganz positiv gestimmt, auch wenn viele Menschen gerade wieder krank werden. Aber für die Band läuft es ganz gut.

Ihr hattet 2018 über einen Internet-Call zusammengefunden und kanntet euch vorher nicht. Welchen Beziehungsstatus habt ihr als Band inzwischen erreicht?
Merle: Wir sind natürlich zusammengewachsen und mittlerweile Freunde geworden. Wir proben in der Regel zwei Mal die Woche. Wir sehen einander öfter, als wir andere Menschen treffen. Durch die anderen in der Band habe ich auch musikalisch super viele neuen Einflüsse bekommen; durch Philipp zum Beispiel Post-Punk. Das ist voll gut, weil ich zuvor natürlich auch in meiner Bubble gewesen war und eher so auf Pop, Indie und Alternative stand. Wir gehen auch zusammen auf Konzerte und öffnen uns neuen Einflüssen. Das verbindet schon alles.
Philipp: Es ist meine persönliche Mission, jedes Bandmitglied auf ein BLACK MIDI-Konzert mitzunehmen. Bislang habe ich das mit Bonnie und Merle geschafft. Fehlt noch Konstantin. Aber das wird. Im Übrigen kann ich Merle nur zustimmen. Konstantin und ich werden demnächst zusammenziehen. Bei uns ist etwas entstanden, würde ich sagen.

Kommen wir zum neuen Album „Conclusive Mess“. Was erwartet die geneigten Hörer:innen?
Philipp: Die erwartet eine Weiterentwicklung ausgewählter musikalischer Aspekte des letzten Albums. Die Songs auf dem ersten Album waren quasi die Blaupausen für das zweite Album. Wir hatten direkt, nachdem das ersten Album fertig war, mit der Arbeit am zweiten Album begonnen. Es ist eine Kompilation sehr rhythmisch orientierter Songs, in denen wir experimentieren und die Grenzen der Genres Post-Punk und Mathrock, wo wir uns verorten, zu verschieben versuchen. Mit dem neuen Album haben wir einen eigenständigen Sound kreiert, würde ich sagen. Beim ersten Album hatten wir noch viele Sachen einfach an die Wand geschmissen und gehofft, dass was kleben bleibt. Wir haben in fünf verschiedenen Genres gleichzeitig operiert ...
Merle: Darunter war auch ein Thrash-Metal-Song, yeah!
Philipp: ... was manchmal gut funktioniert hat und manchmal nicht so gut. Das neue Album wirkt hingegen wie aus einem Guss. Es wirkt konzentrierter und kompakter, finde ich. Wir haben auf Sieben-Minuten-Songs und andere Exzesse verzichtet. Wir bringen unser Songwriting jetzt besser auf den Punkt. Vielleicht war es auch eine Hilfe, dass wir ein wenig Zeitdruck hatten. Die Entstehung des Albums wurde mit Mitteln aus der staatlichen Kulturförderung unterstützt, aus dem Programm „Initiative Musik“. Die Mittel wären verfallen, hätten wir uns zu viel Zeit beim Songwriting gelassen.
Merle: Ich finde auch, dass man auf dem neuen Album merkt, wie sehr wir zusammengewachsen sind. Wir sind besser aufeinander abgestimmt und auch selbstbewusster an unseren Instrumenten geworden. Dabei machen wir immer noch unser Ding. Wir lassen uns musikalisch nicht einschränken. Wir müssen in keine Kategorie passen. Wir versuchen nicht etwas zu sein, das wir nicht sind. Ich denke auch, dass die konstruktive Kritik am ersten Album, der Blick von außen, gut war und sich auf dem neuen Album bemerkbar macht. Also nicht, dass wir irgendjemanden zufriedenstellen wollten. Aber wir haben schon eingesehen, was wir besser machen können.
Philipp: Wir sind alle selbstsicherer geworden mit der Musik, die wir machen. Als Band und als Musiker:innen. Ich kann nur für mich sprechen. Ich fühle mich jetzt eher in der Lage, meinen eigenen Spielstil zu analysieren und zu verbessern. Und wir wollen uns als Band von Song zu Song weiterentwickeln und trotzdem erkennbar bleiben. Beim Songwriting bringt meist eine Person eine Idee ein, die ist vielleicht gerade aus einem Jam erwachsen. Und wenn die Idee gefällt, arbeiten wir sie gemeinsam aus und schreiben weitere Teile dazu und einigen uns auf eine Grundstruktur. Das ist schon ein demokratischer Prozess, der im Plenum begleitet wird. Inzwischen finden wir auch gut Schlusspunkte für unsere Songs. Das fiel uns beim ersten Album noch deutlich schwerer.

Worum geht es beim neuen Album inhaltlich? Was hat euch bewegt oder inspiriert?
Philipp: Wir haben eine ungeschriebene Regel, dass jede:r, der/die Lyrics schreibt, auch singt. Auf diese Weise bilden die Texte wie schon auf dem ersten Album ein breites thematisches Spektrum ab. Daher wohl auch der Titel „Conclusive Mess“. Thematische Kohärenz gibt es nicht. Jede:r hat ein eigenes Steckenpferd. Mich beschäftigen vor allem Tod und Zerstörung auf der Welt, diese ganzen Kriege und Krisen. Das schlägt sich in meinen Texten nieder. Manche Dinge kommentieren wir auch zynisch, so wie in „Keep on building, boys“ den nicht enden wollenden Turmbau von Amazon in Berlin-Friedrichshain. Uns beschäftigt also nicht nur das Weltgeschehen, sondern auch, was in unserem unmittelbaren Umfeld passiert.
Merle: Es ist auch gut, dass wir alle singen und schreiben. Ich glaube, dass wir nicht die ausgefeiltesten oder tiefschürfendsten Texte haben. Wir diskutieren da vorher nicht lange, sondern gucken, wie es passt. Die Texte entstehen eher spontan und nicht von langer Hand geplant. Aber das ist auch gerade das Coole, dass alle singen und schreiben und sich so wiederfinden.
Philipp: Das mit dem Tiefgang stimmt. Bei manchen Songs wollten wir einfach nur Spaß haben. Das lag vielleicht auch so ein bisschen am Zeitdruck.

Aber ihr müsst euch jetzt nicht selbst in die Pfanne hauen. Gebt mir drei Themen, die ihr besingt.
Merle: Sexismus, Träume ...
Philipp: ... und Filmhelden der 80er Jahre.

Eure Musik wird oft mit dem Präfix „Post-“ beschrieben. Sei es Post-Punk oder Post-Hardcore. Haltet ihr es für unangemessen, wenn ich behauptete, dass ein Präfix „New“-Wasauchimmer angebracht sei?
Philipp: Ich habe ganz ehrlich letztens mal darüber nachgedacht, ob wir uns nicht irgendwann Mal als „Neo-Krautrock“-Band bezeichnen sollten. Geografisch würde es passen. Aber ehrlich, ein „New“ sehe ich jetzt noch nicht für uns. Das könnte vielleicht später mal kommen. Wir haben mit dem neuen Album eine Sparte gefunden, in der wir uns wohl fühlen in Sachen gitarrenbasierter Musik. Vielleicht gibt es ein paar wenige Bands, die ähnlich klingen wie wir. Wer weiß? Wir sind nicht einzigartig, vielleicht auch nichts Besonderes, aber unsere Musik hat schon ein paar Alleinstellungsmerkmale, die uns in Berlin einen gewissen Wiedererkennungswert verleihen. Vielleicht können wir die Lücke im Post-Punk füllen, die die einst stilbildenden Süd-Londoner Bands inzwischen hinterlassen haben. Alles andere wird sich zeigen und vor allem auch nicht von uns entschieden, sondern von den Leuten, die uns hören.
Merle: Ich will nicht arrogant klingen, aber ich glaube schon, dass wir eine Musik machen, die nicht schon seit hundert Jahren gemacht wird. Wir sind Teil einer jungen Musikszene, die sich nicht auf Genres festlegen lassen will. Ich will keine Kopie von einer Kopie sein.

Merle, du bist im Grrrl-Noisy-Kollektiv engagiert. Was hat es damit auf sich?
Merle: Es handelt sich hierbei um ein FLINTA-Personen-Kollektiv in Berlin. Bonnie und ich sind Mitbegründerinnen. Es wurde vor ungefähr vier Jahren gegründet. 24/7 DIVA HEAVEN sind unter anderem auch dabei. Wir veranstalten in der Regel monatlich Jam-Sessions im Bereich Untergrundmusik für FLINTA-Personen, um ihnen einen Safe Space zu geben, sie miteinander zu vernetzen und sie zu empowern. Im letzten Jahr hatten wir auch ein an Nicht-FLINTAs gerichtetes Festival veranstaltet, um uns zu öffnen und bei Nicht-FLINTA-Personen vorzustellen. Während der Pandemie konnten wir natürlich nichts machen. In der Zeit waren wir aber erreichbar und haben versucht, Personen über Instagram zu vernetzen. Wir gehören dieses Jahr zu den vierzig Preisträger:innen des Tages der Clubkultur. Von dem Preisgeld können wir wieder Sessions veranstalten. Im Übrigen arbeiten wir komplett ehrenamtlich. Es fühlt sich mega cool an, Teil des Kollektivs zu sein und zu sehen, wie viel Spaß es den Leuten macht, die hierherkommen, die sich vielleicht zum ersten Mal trauen, Musik zu machen. Das macht mich stolz und glücklich. Ich hoffe, dass wir das noch lange machen können und auch weiter wachsen werden. Was das angeht, kann ich allerdings nur für Berlin sprechen. Ich wäre total interessiert zu wissen, wie sich die Szene in anderen Teilen der Welt organisiert.

Gibt es Safe Spaces auf euren Konzerten? Stichwort: Awareness.
Philipp: Bislang haben wir auf unseren Konzerten kein eigenes Awareness-Team gehabt. Wir greifen auf die Angebote der Venues zurück, sofern vorhanden. Für unser Release-Konzert hatten wir erstmals ein eigenes Konzept ausgearbeitet. Das wollen wir nach Möglichkeit so beibehalten.