LEGENDÄRE COMPILATIONS

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Paranoia in der Straßenbahn

(LP/CD, Weird System, 1990)

1982 wurde Weird System in Hamburg gegründet. Die erste Veröffentlichung des jungen Labels war 1983 die LP „Waterkant-Hits“ mit zehn Hamburger Punkbands, im Rückblick definitiv einer der besten Städte-Sampler aus den Achtzigern. Sieben Jahre später erschien mit „Paranoia in der Straßenbahn“ eine Compilation, die zu Recht den Untertitel „Punk in Hamburg 1977-83“ trägt. Und Weird System hatte sich bei der Songauswahl viel Mühe gegeben. Anstatt wie AM Music beim ersten „Schlachtrufe BRD“-Sampler (ebenfalls 1990 erschienen) nur und längst veröffentlichte Stücke aus dem eigenen Fundus neu zusammenzustellen, hat das Hamburger Label so manches damals schon seltene Schätzchen zutage gefördert. „Paranoia in der Straßenbahn“ gibt einen sehr guten Überblick über die Hamburger Bands, die damals den neuen Sound spielten. So sind RAZORS und THE BUTTOCKS mit jeweils zwei Songs ihrer EPs vertreten, die 1990 bereits gesuchte Sammlerstücke waren. Von SLIME gibt es gleich drei Songs ihren ersten 7“ „Wir wollen keine Bullenschweine“ von 1980, ebenfalls eine Rarität erster Güte. PUNKENSTEIN sind mit „Smash the state“ von ihrer einzigen 7“ „Oh, du schöne Maid!“ von 1981 dabei. Von CORONERS gibt es zwei Stücke von ihrer nie erschienenen EP, weitere unveröffentlichte Songs kommen von COPSLAYERS, RAZZIA sowie von SCREAMER, aus denen später NAPALM und SLIME hervorgehen sollten. Ihr Stück „Wahlrecht“ hat die Anfangsakkorde vom späteren SLIME-Klassiker „Alle gegen alle“. NAPALM thematisieren in „Tolle“ die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Punks und Teds in Hamburg, ebenso wie THE BUTTOCKS in „Kreatur“. Schaut dazu mal in das Interview mit ihnen in Ox #170. Auch die unterbewerteten BIG BALLS & THE GREAT WHITE IDIOT wurden berücksichtigt. Die einzige Doppelung mit „Waterkant-Hits“ ist bei der Erstauflage das Stück „Bomben splittern“ von SS ULTRABRUTAL. Der Samplertitel „Paranoia in der Straßenbahn“ ist ein Zitat aus dem Song „Computerstaat“ von ABWÄRTS, der selbstredend auch vertreten ist, wobei die CD-Version vier Tracks mehr enthält als die LP. Auch die Aufmachung ist sehr gut. So gibt es neben den Texten und Informationen zu den Bands eine Chronologie der Geschichte von Punk in Hamburg, Zeitungsausschnitte und weitere Linernotes. Aber nicht nur in der Punk-Szene sorgte der Sampler für Aufsehen, auch das TV-Magazin „Report“ aus Mainz wurde darauf aufmerksam, genauso wie die Staatsanwaltschaft. Grund war der SLIME-Song „Wir wollen keine“, der hier in unzensierter Version zu hören war. Bei den Nachpressungen wurde er ersetzt durch „Night on the graveyard“ von CHANNEL RATS, ebenfalls vom „Waterkant Hits“-Sampler.