COVER-IKONEN: SCREAM

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This Side Up (LP, Dischord, 1985)

Mit ihrem Debüt „Still Screaming“ hatte die Hardcore-Band aus Arlington, Virginia 1982 das erste Album auf dem mittlerweile legendären Washington DC-Label Dischord Records veröffentlicht, das zuvor ausschließlich 7“s, EPs und Compilations herausgebracht hatte. Im Gegensatz zu dessen heftig wütendem Hardcore klingen SCREAM auf „This Side Up“ allerdings weit weniger thrashig und sind textlich eher kryptisch unterwegs. Sie stoßen besonders mit dem auf den Albumtitel des Vorgängers anspielenden saxophonlastigen Dub-Track „Still screaming“ all jenen gezielt vor den Kopf, die ein Weiter-wie-bisher erwarteten, und nehmen damit die künftige Entwicklung der Band bis zu ihrer ersten Auflösung 1990 ein Stück weit vorweg. Dass sich SCREAM (und Dischord Records) verändert haben, zeigt sich auch am Albumcover: Während auf dem Debüt noch ein handgezeichneter schreiender Glatzkopf neben dem nicht für einen der Tracks verwendeten Text von „Still screaming“ zu sehen war, prangen nun die Oberkörper der Bandmitglieder in schwarzweißer Fotokopie-Optik vor einem schreiend neonroten (US-Version) beziehungsweise -gelben (Europa) Hintergrund mit einem überdimensionierten Schriftzug des Bandnamens. Obwohl der frisch zur Band hinzugestoßene zweite Gitarrist Robert Lee „Harley“ Davidson bereits in den Linernotes als Mitwirkender bei allen fünf Tracks der B-Seite des Albums aufgeführt wird und sein Foto auch auf dem Backcover abgebildet ist, ist er auf dem Frontcover noch nicht zu sehen. Dort schauen nur vier recht ernst dreinblickende junge Männer in T-Shirt und Kapuzen-, Leder- oder Jeansjacke direkt in die Kamera (Sänger Peter Stahl, Gitarrist Franz Stahl, Drummer Kent Stax) oder gezielt ins Nichts (Bassist Skeeter Thompson). Geschossen hat diese Aufnahme die 2003 mit 38 Jahren an Leberversagen verstorbene US-japanische Fotografin Naomi Petersen, die besonders für ihre Arbeiten im SST-Auftrag bekannt wurde. Ob die damals scheinbar gängigen SST-Knebelverträge – siehe diverse Bandklagen in den Neunzigern – auch bei ihr gegriffen haben? Layoutet und markant grell in Szene gesetzt hat es der Grafikdesigner Bob Raiter. Warum es für die amerikanische Urversion und die europäische unterschiedliche Farben gab? Und warum der schreiend bunte Hintergrund für die Neuauflagen 2010 und 2023 komplett auf ein lahmes Grau umgestellt wurde? Als Unterscheidungsmerkmal? Dadurch verliert das Ganze zumindest visuell deutlich an Biss. Aber ja, „Beneath the paint / You see it’s all lovehate“ – im Gegensatz zum Gros der „This Side Up“-Texte mal ausnahmsweise reimfrei ... Ob sich daran 2023 etwas geändert hat, kann auf dem frisch erschienenen Album „DC Special“ nachgehört werden.