NEAERA – My tour diary.
| 29. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Blog |
Kinder, wie die Zeit vergeht! Soll das wirklich schon wieder mehr als zwei Monate her sein, dass die Progression Tour mit HEAVEN SHALL BURN, UNEARTH, NEAERA und SUFFOKATE durch Europa gezogen ist? Offenbar ja, wie die Aufzeichnungen von NEAERA-Sänger Benny Hilleke beweisen.
20.03.2012 F-Paris, Petit Bain. Nachdem ich beim letzten Mal von einer Band gefragt wurde, ob wir in Europa das gleiche Kalendersystem haben wie in den USA, bin ich auf Anhieb angetan von den UNEARTH-Jungs, lerne aber noch am selben Abend folgende Lektion: Stell dich bei einer UNEARTH-Show nie direkt neben ihren Gitarristen Ken. Faszinierend, wie viele Popel und sonstigen Auswurf ein einzelner Mensch während einer Show aus sämtlichen Körperöffnungen schießen kann. Auch die SUFFOKATE-Heinis machen keinen wirklich unsympathischen Eindruck und hauen sich nach der Show dermaßen den Arsch voll, dass der Promillegehalt im Blut bis zum Ende der Tour reichen dürfte. Na dann: Prost! Alexander Dietz von HSB spuckt mir heute ausnahmsweise nicht ins Gesicht, sondern gibt mir sogar die Hand. Cool! Die Tour wird gut.
22.03.2012 Hamburg, Markthalle. Die gestrige Show in Köln war mehr als cool und wie fast alle kommenden Shows dieser Tour ausverkauft. So auch die in Hamburg. Keine Absperrungen + niedrige Bühne + volles Haus: läuft! Luft gibt es nach dem zweiten Song nicht mehr, Wasser ist im Körper ebenfalls Fehlanzeige, und ich fühle wie mich SpongeBob Schwammkopf auf Landgang. Ken scheint alle Popel verballert zu haben, und ich traue mich wieder neben die Bühne. UNEARTH machen live einfach Bock. Die anschließende Lichtshow von HSB stellt jede „Star Wars“-Weltraumschlacht in den Schatten und spätestens bei „Endzeit“ bekommen alle im Raum Gänsehaut. Es gibt kaum jemanden, der nicht mitbrüllt. Unglaublich! Mal sehen, was Dresden morgen so drauf hat!
24.03.2012 CH-Pratteln, Z7. Dresden hat absolut nicht enttäuscht, aber die Fahrt nach Pratteln ist lang. Sehr lang. Gesprächsthemen sind seit Stunden nicht mehr vorhanden, und ich ertappe mich dabei, wie ich unserem Ersatzgitarristen Tristan geschlagene drei Stunden beim „Tetris“-Spielen zuschaue. Andere Menschen lernen ganze Sprachen in der Zeit, ich schaue halt auf den Gameboy. Für alle Leser unter zwanzig: Der Gameboy war die PSP der achtziger Jahre – nur dass man zwischendurch auf dem Display erraten musste, was überhaupt passiert. Die ganze Strecke wäre nur halb so wild, gäbe es nicht die Verzollung des Merchandise an der Schweizer Grenze. Aber die Zöllner haben diesmal keinen Bock, uns die Shirts alle einzeln zählen zu lassen. Das könnte auch daran liegen, dass dem Zollbeamten als Erstes die Auftrittsklamotten unseres Drummers entgegenfallen. Ich sag’ mal so: Eine seit drei Wochen im Regen liegende, tote Katze ist geruchsmäßig nichts dagegen. In Pratteln angekommen, erzählt mir der Bühnentechniker die Auftrittsstory der Black-Metal-Band WATAIN, die mittlerweile Auftrittsverbot im Z7 hat. Der gute Mann berichtet sehr lebhaft von der Diskussion und dem anschließenden Tumult mit der Band, die partout nicht verstehen wollte, warum Ziegendärme auf der Bühne nicht so cool sind. Wir haben nach der Geschichte unsere Schweineköpfe und gekreuzigten Jungfrauen im Trailer gelassen, schließlich wollen wir hier in Zukunft noch mal spielen …
27.03.2012 PL-Posen, Eskulap. Nach Würzburg und Hannover geht es heute nach Polen. Der „Lichtmann“ scheint normalerweise nur für Black-Metal-Shows gebucht zu werden, denn die komplette Bühne bleibt am Abend dunkel. Zwischendurch flackert in Epilepsie auslösenden Abständen das Strobolicht – man soll ja auch was sehen können! Schönen Dank, du Arsch. Um den ganzen Auftritt für die Bands noch etwas spannender zu gestalten, sind auf der Bühne – aus welchem Grund auch immer – größere Lücken, in die man herrlich reinkrachen kann. Ich lasse mich dann auch nicht lange bitten und trete während des letzten Songs rein. Mein Rücken gibt mir anschließend mehr als deutlich zu verstehen, dass ich mich besser untersuchen lassen sollte. Den Rest des Abends liege ich im Backstage und bekomme nur beiläufig mit, wie eine verwirrte Zuschauerin mit Adamsapfel den Bassisten von SUFFOKATE verhauen will. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein, ich habe zu diesem Zeitpunkt nämlich schon irgendwelche Schmerzmittel von den Amis intus.
28.03.2012 Stuttgart, Longhorn. Ich verbringe meinen Tag nicht in gewohnter Zombieposition vor dem Laptop, nein, heute sitze beziehungsweise liege ich ausnahmsweise im Stuttgarter Krankenhaus mit Verdacht auf Bandscheibenvorfall oder Rippenbruch. Genaueres wisse man erst nach den Röntgenaufnahmen, aber man tippe auf Bandscheibe … Na, Gott sei Dank! Und ich dachte schon, es sei was Schlimmes… Argh! Die Ärztin fragt mich nach einem kurzen Blick auf den Tourpass, ob ich denn auch PANTERA hören würde und teilt mir dann mit, dass es sich um einen Muskelfaseranriss im Rückenbereich handelt und ich mit Hilfe einiger netter Schmerzmittel die verbleibenden Tage noch auftreten könne.Und was soll ich sagen: Die Dinger haben tatsächlich geholfen, auch wenn mir das eine oder andere rosa Schweinchen erschienen ist. Morgen dann Italien – buongiorno gelato!
31.03.2012 München, Theaterfabrik. Heute ist bereits der letzte Tag dieser viel zu kurzen Tour. Die Shows waren großartig, zum Abschluss geht es nach München. Eine gute Wahl, denn auf München ist eigentlich immer Verlass. Nachdem Graz am Vortag schon einen ordentlichen Abriss veranstaltet hat, verlässt auch heute jede Band grinsend die Bühne. HEAVEN SHALL BURN geben auch dem Letzten zu verstehen, dass sie 1) eine Livemacht vor dem Herrn sind und man sich 2) die nächsten zehn Sonnenbanktermine sparen kann, wenn man nur nahe genug vor der Bühne beziehungsweise ihrer Lichtshow steht. Ich frage mich nur, wie die Nacken der Jungs nach der Tour aussehen. Ich habe noch ein bisschen darauf gehofft, dass Alexander Dietz und ich endlich Freunde werden, aber zum Abschluss gibt es dann doch nur die gewohnte Portion Rotz in mein Gesicht. Schade. Aber ich bin ja nächste Woche wieder in seinem Studio, dann versuche ich es noch einmal mit ihm!
Benny NEAERA








