Monatsarchiv: Mai 2012
NEAERA – My tour diary.
| 29. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Blog |
Kinder, wie die Zeit vergeht! Soll das wirklich schon wieder mehr als zwei Monate her sein, dass die Progression Tour mit HEAVEN SHALL BURN, UNEARTH, NEAERA und SUFFOKATE durch Europa gezogen ist? Offenbar ja, wie die Aufzeichnungen von NEAERA-Sänger Benny Hilleke beweisen.
20.03.2012 F-Paris, Petit Bain. Nachdem ich beim letzten Mal von einer Band gefragt wurde, ob wir in Europa das gleiche Kalendersystem haben wie in den USA, bin ich auf Anhieb angetan von den UNEARTH-Jungs, lerne aber noch am selben Abend folgende Lektion: Stell dich bei einer UNEARTH-Show nie direkt neben ihren Gitarristen Ken. Faszinierend, wie viele Popel und sonstigen Auswurf ein einzelner Mensch während einer Show aus sämtlichen Körperöffnungen schießen kann. Auch die SUFFOKATE-Heinis machen keinen wirklich unsympathischen Eindruck und hauen sich nach der Show dermaßen den Arsch voll, dass der Promillegehalt im Blut bis zum Ende der Tour reichen dürfte. Na dann: Prost! Alexander Dietz von HSB spuckt mir heute ausnahmsweise nicht ins Gesicht, sondern gibt mir sogar die Hand. Cool! Die Tour wird gut.
22.03.2012 Hamburg, Markthalle. Die gestrige Show in Köln war mehr als cool und wie fast alle kommenden Shows dieser Tour ausverkauft. So auch die in Hamburg. Keine Absperrungen + niedrige Bühne + volles Haus: läuft! Luft gibt es nach dem zweiten Song nicht mehr, Wasser ist im Körper ebenfalls Fehlanzeige, und ich fühle wie mich SpongeBob Schwammkopf auf Landgang. Ken scheint alle Popel verballert zu haben, und ich traue mich wieder neben die Bühne. UNEARTH machen live einfach Bock. Die anschließende Lichtshow von HSB stellt jede „Star Wars“-Weltraumschlacht in den Schatten und spätestens bei „Endzeit“ bekommen alle im Raum Gänsehaut. Es gibt kaum jemanden, der nicht mitbrüllt. Unglaublich! Mal sehen, was Dresden morgen so drauf hat!
24.03.2012 CH-Pratteln, Z7. Dresden hat absolut nicht enttäuscht, aber die Fahrt nach Pratteln ist lang. Sehr lang. Gesprächsthemen sind seit Stunden nicht mehr vorhanden, und ich ertappe mich dabei, wie ich unserem Ersatzgitarristen Tristan geschlagene drei Stunden beim „Tetris“-Spielen zuschaue. Andere Menschen lernen ganze Sprachen in der Zeit, ich schaue halt auf den Gameboy. Für alle Leser unter zwanzig: Der Gameboy war die PSP der achtziger Jahre – nur dass man zwischendurch auf dem Display erraten musste, was überhaupt passiert. Die ganze Strecke wäre nur halb so wild, gäbe es nicht die Verzollung des Merchandise an der Schweizer Grenze. Aber die Zöllner haben diesmal keinen Bock, uns die Shirts alle einzeln zählen zu lassen. Das könnte auch daran liegen, dass dem Zollbeamten als Erstes die Auftrittsklamotten unseres Drummers entgegenfallen. Ich sag’ mal so: Eine seit drei Wochen im Regen liegende, tote Katze ist geruchsmäßig nichts dagegen. In Pratteln angekommen, erzählt mir der Bühnentechniker die Auftrittsstory der Black-Metal-Band WATAIN, die mittlerweile Auftrittsverbot im Z7 hat. Der gute Mann berichtet sehr lebhaft von der Diskussion und dem anschließenden Tumult mit der Band, die partout nicht verstehen wollte, warum Ziegendärme auf der Bühne nicht so cool sind. Wir haben nach der Geschichte unsere Schweineköpfe und gekreuzigten Jungfrauen im Trailer gelassen, schließlich wollen wir hier in Zukunft noch mal spielen …
27.03.2012 PL-Posen, Eskulap. Nach Würzburg und Hannover geht es heute nach Polen. Der „Lichtmann“ scheint normalerweise nur für Black-Metal-Shows gebucht zu werden, denn die komplette Bühne bleibt am Abend dunkel. Zwischendurch flackert in Epilepsie auslösenden Abständen das Strobolicht – man soll ja auch was sehen können! Schönen Dank, du Arsch. Um den ganzen Auftritt für die Bands noch etwas spannender zu gestalten, sind auf der Bühne – aus welchem Grund auch immer – größere Lücken, in die man herrlich reinkrachen kann. Ich lasse mich dann auch nicht lange bitten und trete während des letzten Songs rein. Mein Rücken gibt mir anschließend mehr als deutlich zu verstehen, dass ich mich besser untersuchen lassen sollte. Den Rest des Abends liege ich im Backstage und bekomme nur beiläufig mit, wie eine verwirrte Zuschauerin mit Adamsapfel den Bassisten von SUFFOKATE verhauen will. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein, ich habe zu diesem Zeitpunkt nämlich schon irgendwelche Schmerzmittel von den Amis intus.
28.03.2012 Stuttgart, Longhorn. Ich verbringe meinen Tag nicht in gewohnter Zombieposition vor dem Laptop, nein, heute sitze beziehungsweise liege ich ausnahmsweise im Stuttgarter Krankenhaus mit Verdacht auf Bandscheibenvorfall oder Rippenbruch. Genaueres wisse man erst nach den Röntgenaufnahmen, aber man tippe auf Bandscheibe … Na, Gott sei Dank! Und ich dachte schon, es sei was Schlimmes… Argh! Die Ärztin fragt mich nach einem kurzen Blick auf den Tourpass, ob ich denn auch PANTERA hören würde und teilt mir dann mit, dass es sich um einen Muskelfaseranriss im Rückenbereich handelt und ich mit Hilfe einiger netter Schmerzmittel die verbleibenden Tage noch auftreten könne.Und was soll ich sagen: Die Dinger haben tatsächlich geholfen, auch wenn mir das eine oder andere rosa Schweinchen erschienen ist. Morgen dann Italien – buongiorno gelato!
31.03.2012 München, Theaterfabrik. Heute ist bereits der letzte Tag dieser viel zu kurzen Tour. Die Shows waren großartig, zum Abschluss geht es nach München. Eine gute Wahl, denn auf München ist eigentlich immer Verlass. Nachdem Graz am Vortag schon einen ordentlichen Abriss veranstaltet hat, verlässt auch heute jede Band grinsend die Bühne. HEAVEN SHALL BURN geben auch dem Letzten zu verstehen, dass sie 1) eine Livemacht vor dem Herrn sind und man sich 2) die nächsten zehn Sonnenbanktermine sparen kann, wenn man nur nahe genug vor der Bühne beziehungsweise ihrer Lichtshow steht. Ich frage mich nur, wie die Nacken der Jungs nach der Tour aussehen. Ich habe noch ein bisschen darauf gehofft, dass Alexander Dietz und ich endlich Freunde werden, aber zum Abschluss gibt es dann doch nur die gewohnte Portion Rotz in mein Gesicht. Schade. Aber ich bin ja nächste Woche wieder in seinem Studio, dann versuche ich es noch einmal mit ihm!
Benny NEAERA
HOT WATER MUSIC – Exister
| 23. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Reviews |
„Und ich weiß ja nicht, wer die HOT WATER MUSIC macht, aber falls du da jemanden brauchst, der ein negatives Review schreibt, bin ich dein Mann. Was ich bisher gehört habe, finde ich ziemlich langweilig, dabei fand ich die mal (wie jeder) großartig …“ Das schrieb mir einer der Autoren dieses Magazins vor einigen Wochen per E-Mail. Und ich muss zugeben: Nach dem ersten Hören der Platte habe ich tatsächlich kurz darüber nachgedacht, sie an Dennis M. zu schicken. Jetzt, nachdem ich jeden der dreizehn Songs ungefähr fünfzehn Mal gehört habe, ist „Exister“ das Album dieser Ausgabe. Was ist passiert? Die Antwort ist simpel: Dasselbe wie bei jeder der vorherigen Platten der Band auch. Die Alben von HOT WATER MUSIC brauchen einfach Zeit, bis man sie wirklich liebt. Es ist nur sehr leicht, das zu vergessen, weil das letzte („The New What Next“) inzwischen acht Jahre her ist und man in seinem Leben schon so viele („Exister“ ist die Nummer acht) gehört hat und deshalb glaubt, die Musik dieser Band durchschaut zu haben: die beiden Sänger, die im Gegensatz zu denen in anderen Bands nicht nur versuchen, kaputt zu klingen, sondern ganz einfach kaputt sind, das für eine Punkband ungewöhnlich zentrale Bassspiel – Jason Black steht bei Konzerten nicht zufällig in der Mitte der Bühne –, Refrains, bei denen man sich immer sofort wünscht, sie angetrunken in einem Pulk schwitzender Menschen zu grölen. Alle altbekannten Markenzeichen der Band sind noch immer vorhanden, trotzdem erschließen sich die Songs nur sehr langsam, entdeckt man mit jedem Mal ein neues Lieblingslied, bis einem die Platte irgendwann so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass man fast nicht mehr beurteilen kann, ob „Rooftops“ von 1999, „Wayfarer“ von 2002 oder „State of grace“ von 2012 der größere Hit ist. Insgesamt hat „Exister“ sogar viel weniger Längen als die früheren Alben der Band, und die Ideen, die hinter den Songs stecken, sind deutlich besser zu greifen. „Hör dir doch noch mal ,No Division‘ an! Das ist fast eine andere Band!“, schrieb mir D. Meyer in einer weiteren Mail. Er hat recht: Natürlich haben sich HOT WATER MUSIC verändert. Ich finde, dass sie noch besser geworden sind. (Rise/ADA)
Thomas Renz
HIGH ON FIRE – De Vermis Mysteriis
| 23. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Reviews |
Bevor HIGH ON FIRE ihre zu erwartenden (und überaus verdienten) Lobeshymnen einfahren, sollte die Gelegenheit genutzt werden, um den eigentlichen Helden dieses Albums zu würdigen: Kurt Ballou. Er hat es als erster Produzent vermocht, dass HIGH ON FIRE auch auf Platte endlich so umwerfend und vor allem optimal ausbalanciert klingen, wie bei ihren Liveshows. Die Band lässt sich da natürlich nicht lumpen und liefert auf ihrem sechsten Album ihre bislang beste Performance ab. Matt Pike schüttelt stapelweise treibende Uptempo-Riffs und fiese Soli aus dem Handgelenk und wird von Schlagzeuger Des Kensel und Bassist Jeff Matz immer wieder aufs Neue angepeitscht, so dass man sich fast Sorgen machen muss, dass den ganzen SLEEP-Fans bei so viel Tempo und Wucht die Bong aus der Hand fällt. Aber nicht nur als Gitarrist, auch als Sänger erweist sich Pike mit seinen offenbar noch nicht gänzlich verharzten Stimmbändern einmal mehr als die musikalischere Version von Lemmy Kilmister. Vor allem der Refrain von „Serums of Liao“ ist ein echtes Glanzstück. Apropos glänzen: Auf keinem Album konnten Kensel und Matz bislang auch als Quasi-Solisten so auftrumpfen wie auf „De Vermis Mysteriis“. Schön zu hören, dass Pike nun endlich adäquate Partner für seine ganz eigene Vision des Metal gefunden hat. In dieser Form sind HIGH ON FIRE auf Jahre unschlagbar. (Century Media/EMI)
Martin Schmidt
LOINCLOTH – Iron Balls Of Steel
| 23. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Reviews |
Vorab eine Warnung: Wenn man dieses Album anders angeht als mit voller, ungeteilter Aufmerksamkeit, vorzugsweise unter dem Kopfhörer, wird es bestenfalls sperrig, schlimmstenfalls unhörbar wirken. Wer aber noch eine Aufmerksamkeitsspanne von einer Dreiviertelstunde sein Eigen nennt, kann hier eine wahrhaft spirituelle Erfahrung machen. Musik, die so einzigartig ist, so progressiv im eigentlichen Sinne, ist allerdings schwer mit Worten zu beschreiben. Einer kleinen Gruppe von Eingeweihten mag es helfen zu erfahren, dass hier Gott selbst Schlagzeug spielt – Signature-Stilist Steve Shelton von CONFESSOR. Da die aber auch kaum einer kennt, versuchen wir es so: Man stelle sich ein extrem mathematisches Verständnis von Musik vor, das in den Händen dreier absoluter Ausnahmeerscheinungen zu einem rein instrumentalen Mahlstrom aus fesselnder Komplexität, bedrohlicher Langsamkeit und der totalen Abwesenheit von Licht wird. Das Fehlen von Gesang bringt dabei das Hypnotische, die Sogwirkung, erst zur Vollendung. Die fließenden, monolithischen Riffkaskaden und unzählbaren Drumpatterns fügen sich zu einer Odyssee durch die Abgründe der menschlichen Seele – unwiderstehlich, dunkel und unheilvoll, doch von eigentümlicher Schönheit und kathartischer Kraft. Eine Manifestation des Göttlichen im Menschen. (Southern Lord/Soulfood)
Hendrik Lukas
RISE AND FALL – Faith
| 23. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Reviews |
Die ersten Songs auf „Faith“ sind schnell, simpel und fokussiert. Fokussiert bedeutet hier, dass sie in jedem Moment auseinanderzubrechen drohen, nur durch schiere Gewalt und Tempo zusammengehalten. Das kennt man so vor allem von den Labelkollegen CONVERGE, deren Kurt Ballou hier produziert hat sowie als Gastsänger und -gitarrist zu hören ist. Nur kurz nicht aufgepasst, so scheint es, schon würde alles in schrillem Feedback und Schrapnell zerbersten. So wie Bjorn Dossches Worte. „Faith“ – Glaube – ist ein mit Chuzpe gewählter Titel, nach Zuversicht und Licht sucht man in den Songs musikalisch wie textlich vergeblich, alles klingt eher nach Blut und Scherben. Gebete hören sich nur dann so an, wenn man ganz alleine ist. Selbst wenn Dossche zum Schluss, in „Faith/Fate“, von Liebe für die Ungeliebten und Hoffnung für die Hoffnungslosen spricht, klingt das nach verzweifelter Sehnsucht, nicht nach einem Versprechen. Vorher reißen RISE AND FALL aber erneut ihre Grenzen ein, in Richtung Amphetamine-Reptile-Noise und Post-Metal-Tiefe, und erschaffen ein schlicht atemberaubendes Album. Was man ganz zuletzt hört, sind Herzgeräusche eines neugeborenen Kindes. Das erzählt eigentlich von Hoffnung. Es spricht für „Faith“, dass man sich dessen in diesem Moment aber alles andere als sicher ist. (Deathwish/Indigo)
Ingo Rieser
WHITECHAPEL – Whitechapel
| 23. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Reviews |
Klassische Musik, das volle Programm mit Cello und Klavier. Gitarrensoli wie in besten Heavy-Metal-Zeiten. Dann wieder an Mariachi-Musik erinnernde Gitarren. Slamparts, davon nicht zu knapp. MESHUGGAH-artige Disharmonien. Das tiefste Growlen, das in der heutigen Zeit zu finden ist. Ein Groove, der sonst nur Bands wie SLIPKNOT vorbehalten ist. All das und so viel mehr bieten WHITECHAPEL auf ihrem selbstbetitelten Album. Von den verbleibenden neun Songs, die dem Opener „Make it bleed“ folgen, habe ich noch gar nicht zu reden angefangen. Man muss „Whitechapel“ selbst gehört haben, um zu begreifen, was diese Band so einzigartig macht. Death Metal kann so viel mehr sein als einfach nur brutal. Trotzdem: Dieses Album zu hören, ist eine Tortur. Es schlägt einem in den Magen mit seinem Sound, es fordert einem alles ab, um wirklich alle Nuancen zu entdecken. Man setzt sich purer Gewalt aus, der ganzen Negativität von Sänger Phil Bozeman. Trotzdem will man ständig mehr. Weil die Band weiß, wann die Melodie Einzug in das ganze Chaos halten muss. Sie ergeben sich nie der Wut, spielen ständig mit dem Tempo, um den Hörer wieder herunterkommen zu lassen – nur um dann umso härter zuschlagen zu können. Diese Band ist einzigartig, unverkennbar. Wie viele können das heutzutage von sich behaupten? (Metal Blade/Sony)
Frank Engelhardt
FRAU POTZ – My tour diary.
| 22. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Blog |
Der erste Tag beginnt für mich um 5:30 Uhr. Felix liegt restbetrunken im Bett meines Mitbewohners, und ich werde von Dennis, dem Olivenmann, geweckt. Der Olivenmann ist so nett, Equipment, Merch und mich zur Tourneeleitung Valeska nach Bonn zu fahren. Da steht auch der imposante 6-Sitzer, der uns die nächsten Tage als Reisegefährt dienen soll. Wir hören den Karfreitagsgottesdienst im Deutschlandfunk und essen Knäckebrot. Der restliche Reisetross, bestehend aus Felix, Kerli und Micha von Brückentick, kommt abends bei Valeska an. Wir trinken wenig und gehen früh schlafen.
07.04.2012 Karlsruhe, Alte Hackerei. Wir kommen überpünktlich an der alten Hackerei an. So haben wir noch ein wenig Zeit, über den/die Rummel, Kirmes, Peermarkt oder – wie uns der ortskundige Micha erklärt – Mess zu gehen. Ist auch viel langweilig. Kerli schenkt mir fünfzig Cent, so dass mir eine elektronische Wahrsagerin erklären kann, dass ich ein heißblütiger Liebhaber bin. Okay … Wieder an der alten Hackerei angekommen, gibt es Beknutschung und Gefummel mit LOVE A. Auf meine im Dezember ausgesprochene Vorwarnung, dass wir etwas „touchy“ sind, entgegnete mir Dominik, dass LOVE A etwas „fucky“ sind. Mein Blut kocht. Vor dem Konzert wurde uns ein Tisch im Restaurant „Zwiebel“ reserviert. Ich esse Veggie-Burger, den Verdauungsschnaps zahlen wir selbst. Das Konzert selbst wird Bombe. Der junge Herr Robin, bei dem wir nächtigen, hat eine drei Meter hohe Palme in seinem Wohnzimmer, die im Sommer dreißig Liter Wasser schluckt.
08.04.2012 Mainz, Haus Mainusch. Frühstück gibt es in der „Kippe“. Aus Ermangelung an vegetarischen Gerichten (insgesamt zwei) esse ich wieder Veggie-Burger. Weil es nach Mainz nicht weit ist, gehen wir noch ins Naturkundemuseum. Wir kommen trotzdem zu früh an. So haben wir noch Zeit, Tischtennis zu spielen. Das Bier schmeckt nach Ei und LOVE A-Jörkk schläft auf dem Sofa. Da wir inzwischen alle fucky sind, lege ich mich auf Jörkk. Dominik legt sich auf mich und gekrönt wird dieses Abbild der Bremer Stadtmusikanten von Kerli. Der dritte Burger in 24 Stunden. Das Konzert ist ausverkauft, Menschen knien vor Felix und schreien Texte mit. Wir fahren in der Nacht zurück ins Haus der Tourneeleitung und Enno Bunger singt, das alles gut wird. Ich denke: „Enno, es ist alles gut.“
09.04.2012 Köln, Aetherblissement. Heute ist der letzte Tag mit Micha. Abschiedsfeiermäßig gehen wir nach dem Interviewgedöns essen. Beim Aetherblissement angekommen, erzählt uns Haus-und-Hof-Techniker und Kölner Original Udo Geschichten aus dreißig Jahren Musikbusiness. Diese wird es in Bälde auch in Buchform geben. Das Ding kauf ich! Was die „Hit and Run“-Crew heute an Essen auffährt, macht mir ein schlechtes Gewissen, aufgrund der vorherigen Abschiedsfeier. Wir schlagen trotzdem alle herzhaft zu, denn das Aetherblissement ist ausverkauft, nur ungefähr dreißig Grad wärmer als gestern. Wir schwitzen alle Kalorien raus und gehen kaputt und glücklich von der Bühne.
10.04.2012 Bonn, Bla. Bonn ist ja so was wie Heimspiel für uns. Weil sich die Menschen im Bla immer so gut um uns kümmern, haben wir deren Chefin einfach geklaut und als Tourneeleitung eingesetzt. Heute muss Valeska nicht nur dafür sorgen, dass wir wissen, wann und wo wir was machen müssen, sondern regelt nebenbei auch noch das Bla. Das Konzert ist heute schon wieder ausverkauft, allerdings habe ich das Gefühl, dass ich jede Nase kenne. Alles Freunde, alles geil. Dafür geht mir heute allerhand kaputt. Neben dem Verstärker will meine Bassgitarre den Gurt nicht mehr halten, also muss ich im Sitzen spielen. Barhocker, Gin Tonic, Blödsinn reden. Ganz normaler Bla-Modus. Nur heute alles auf der Bühne und nicht am Tresen.
11.04.2012 Off-day. Wir schimmeln extrem rum. Kerli und ich gurken nach Köln, lassen meinen Verstärker reparieren und kaufen Kram in einem sehr großen Musikhaus, damit wir noch mehr reparieren können. An dieser Stelle sei gesagt, dass Felix noch nie wirklich etwas kaputt gegangen ist. Dafür brennt er heute eine CD, die immer dann gehört wird, wenn schlechte Laune droht. Das komplette Live-Bootleg von UNGLAUBLICH ABER SKA macht uns gute Laune. Abends gehen wir wieder ins Bla, essen die größte Pizza der Welt und gucken Dortmund gegen Bayern. Danach merken wir, dass wir LOVE A vermissen. Valeska lässt 99 Cent springen, damit wir uns in der Vox-Mediathek das perfekte Dinner angucken können, bei dem Jörkk eigentlich nur durch Schweiß glänzt.
12.04.2012 Kiel, Schaubude. Kiel, die alte Hassliebe. Eigentlich ist an Kiel alles scheiße. Uneigentlich fallen mir bis auf die Bewohner nur ein paar Sachen ein, die gut sind. Darunter die Schaubude. Das Konzert wird heute aufgezeichnet. Leider ist das Kamerastativ genau vor der Bühne ein wenig im Weg. Noch mehr leider bleibt es da das ganze Konzert lang stehen. Die komplette Plattenfirma hat heute einen Betriebsausflug nach Kiel gemacht und ist pünktlich zum Konzert da. Später versacken die geilsten Leute Kiels, Jörkk und ich am Tresen.
13.04.2012 Berlin, About Blank. Ich wache bei Lennart von den LEONIDEN auf. Glücklicherweise haben wir alle da geschlafen. An dieser Stelle sei ihm noch mal für das beste Frühstücksbuffet der Welt gedankt. Vollgefressen gondeln wir nach Berlin. Menschen aus Berlin und andere Szenekenner haben mir vorher verraten, dass das About Blank ein Techno-Club ist. Mir egal. Das Konzert wird ähnlich schwitzig und geil. Stefan von LOVE A glänzt trotzdem durch eine perfekt sitzende Frisur. Leider feiert irgendwer im Backstage-Raum eine Party, so dass wir uns im Konzertraum aufhalten, bis wir in das Bandappartement fahren, das uns für die nächsten Tage zur Verfügung steht.
14.04.2012 Leipzig, Atari. Ich bin als Erster wach und hole Kaffee fürs Team. Der Eingang des Bandappartements hat allerdings eine so niedrige Tür, dass ich einen Kopfball mit dem Haus mache. Aua. Heute soll der vorerst letzte Abend mit LOVE A sein. Wir haben uns schon so ein bisschen in die vier adretten Herren verguckt. Mit Träne im Knopfloch essen wir gut. Das Konzert wird super, weil Laden ausverkauft, weil Karl, Stefan, Dominik und Jörkk geil sind und das Publikum im Bockmodus ist. Nach dem Konzert hören wir UNGLAUBLICH ABER SKA bis uns der Veranstalter ins Bett schickt.
15.04.2012 Off-day. Zum Frühstück spielen wir „Tony Hawk’s Pro Skater 2“. Kerli gewinnt alles, wegen langjähriger Konsolenerfahrung. Wir fahren zurück nach Berlin, hören Bon Jovi und hängen im Bandappartement rum. Felix und Valeska gehen waschen. Kerli und ich gucken Fernsehen und naschen. „Titanic“. Ist auch viel langweilig.
16.04.2012 Off-day. Wir sind immer noch in Berlin. Heute macht jeder mehr oder weniger sein eigenes Ding. Freunde treffen, essen, trinken. Mein Kumpel Miguel trifft auf eine sehr hübsche, junge Dame. Miguel (nuschelnd): „Ist dein Vater ein Dieb?“ Hübsche, junge Dame: „Wie bitte?“ Miguel: „Ob dein verfickter, Scheißvater ein beschissener Dieb ist, hab’ ich dich gefragt! Ob er dir die verschissenen Sterne in deine Scheißaugen getan hat, hab’ ich dich verdammt noch mal gefragt!“
17.04.2012 Zittau, Emil. Heute spielen wir alleine in Zittau. „Ganz geil“, denkt man sich. Leider finden nicht allzu viele Menschen heute den Weg in (das, den?) Emil. Macht uns aber nichts. Wir bekommen nämlich ein Zwei-Gänge-Menü liebevoll angerichtet auf gut aussehenden Tellern in den Backstage-Raum gebracht und haben schon deswegen Bock auf das Konzert. Weil wir morgen aber Interviewgedöns haben, also rechtzeitig in Osnabrück sein müssen, Shirts in Bielefeld abholen, und Angst vor Verkehrschaos haben, entscheiden wir uns, durch die Nacht zu fahren. Dank lebenslangem Spezi-Vorrat macht Kerli den Helldriver und ridert uns – begleitet von einem skandinavischen Hörbuch – in einem Rutsch durch die Nacht. Unser Booker Chris hat uns derweil einen Schlafplatz klargemacht. Ich werde in Bielefeld wach und muss nur ins Bett fallen.
18.04.2012 Osnabrück, Bastard Club. Nach dem Aufstehen statten wir fairtrademerch.com einen Besuch ab. Geile Firma! Leider versagt unser Navi, so dass wir unseren Instinkten folgen müssen, um nach Osnabrück zu kommen. Klappt glücklicherweise. Der Bastard Club strahlt gleich ein Zuhause-Gefühl aus. Wir fühlen uns nicht zuletzt deshalb so wohl, weil es ein Backstage-Klo mit gutem Toilettenpapier gibt. Heute spielen LO PARKER mit. Nette Menschen, die den polnischen Abgang beherrschen. Das Konzert wird trotzdem super töfte. Da kann man nicht meckern.
19.04.2012 Bremen, Lagerhaus. Die Stange Zigaretten, die wir uns nach unserem Konzert in Zittau an der polnischen Grenze gekauft haben, geht heute zur Neige. Macht aber nichts, weil unsere Superfreunde und Labelmates FINDUS auch gerne rauchen. Wir spielen heute nämlich vor FINDUS. Das Lagerhaus ist ein ziemlich großer Laden, mit vielen Leckereien hinter der Bühne und super Sound auf der Bühne. Mit FINDUS verbindet uns nicht nur die Plattenfirma, so dass die gemeinsame Zeit viel zu schnell verschnackt wird. Konzert, FINDUS gucken, rauchen, Blödsinn reden, einladen und ab nach Hamburg. Heute bringe ich nämlich alle Menschen unter. Bevor wir in Bremen losfahren, pisst Felix noch mal in die Rabatten und wird dafür gerüffelt.
20.04.2012 Flensburg, Volxbad. Nach Kaffee mit dem Olivenmann fahren wir ein letztes Mal zusammen los. Heute spielen wir im Volksbad in Flensburg. Ich habe hier legendäre Konzerte gesehen, außerdem haben sich viele Freunde und teilweise die Familie angekündigt. Unsere Sandkastenfreunde von EKLAT spielen heute auch noch mit. Das sollte eigentlich schon reichen, aber was das Volksbad nach dem besten Mexikaner der Welt so geil macht, ist der Bühnensound. Während des Konzerts gibt es viel Getanze vor der Bühne. Nach dem Konzert Schulterklopfen von der Familie. Wir fühlen uns supersonic, also gibt es Gin Tonic. Ein geiler Tourabschluss für eine geile Tour.
Hauke FRAU POTZ
GROEZROCK – My photos (Sunday).
| 19. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Blog |
Unglaublich, aber wahr: Fuze-Chefredakteur Thomas Renz war noch nie auf dem Groezrock – weil das belgische Festival immer kurz vor Druckschluss stattfindet und er deshalb schlicht keine Zeit hat, hinzufahren. Andere haben da mehr Glück. Lena Stahl zum Beispiel. Die war sogar so freundlich, uns eine Auswahl der Bilder zu schicken, die sie dort gemacht hat, und sie für uns zu kommentieren – ganz aus der subjektiven Sicht einer Fotografin.
RED CITY RADIO. Die Helden meines Wochenendes rocken bei ihrer bisher größten Show auch all diejenigen mit, die noch verkatert am Zeltrand stehen. Wenn es Garrett Dale, der sich kurz vor dem Auftritt angesichts der Publikumsmenge erst einmal übergeben hat, auf die Bühne schafft, dann schaffen es jetzt auch die letzten Müden, sich von der Stimmung mitreißen zu lassen.
MAKE DO AND MEND. Auch wenn die Band nicht nervös ist – auf so einer großen Bühne springt der Funke nicht auf das Publikum über. Würde ich lieber in einem kleinen Club sehen wollen.
HOT WATER MUSIC. Groß. Wie es zu erwarten war. Voller Energie und Liebe zur Musik. Ich bin eher geneigt, den Anblick aus der ersten Reihe ohne Kamera zu genießen, um die gesamte Bühne im Blick haben zu können. Geschlossene Augen, aufgerissene Münder und dicke, hervortretende Adern am Hals lassen das aber nicht zu. Der Anblick ist einfach zu schön, als dass ich das nicht festhalten wollen würde.
ARCHITECTS. Eigentlich bevorzuge ich sie im Club, aber auch eine große Bühne steht ihnen verdammt gut. Während sich Sam Carter die Seele aus dem Leib kreischt, bleibt die Mimik seiner Bandkollegen erstarrt und uninteressant.
ALKALINE TRIO. Während Matt Skiba wenig Emotion anzusehen ist, weiß Dan Andriano gar nicht, wohin mit seiner Energie. Vom Drummer sieht man bei so großen Bühnen oft sehr wenig. Deshalb fokussiert man schnell wieder das Zentrum der Aktion, um doch noch ein paar spannende Bilder einzufangen.
THE BRONX. Kaum Licht und bis auf Matt Caughthran wenig Bewegung auf der Bühne machen das Fotografieren schnell langweilig. So entstehen leider wenig bewegende Aufnahmen.
GOOD RIDDANCE. “Good riddance”, habe ich mir nach dem Verlassen des Zeltes auch gedacht. Russ Rankin fällt die Langweile aus dem Gesicht. Oder er ist gerade von einer Botoxkur zurück. Jedenfalls verzieht er während des ganzen Auftritts keine Miene. Wenn es keine Spaß macht, auf der Bühne zu stehen, sollte lieber Platz gemacht werden für Bands, die Bock haben. Zumindest Schlagzeuger Sean Sellers hat Spaß. Auch wenn das ein bisschen untergeht.
Dave Hause. DAS ist Liebe zur Musik. Da kann man visuell gar nicht genug bekommen. Es fällt schwer, die Show nicht durch den Sucher der Kamera zu verfolgen – aus Angst, man könnte den richtigen Moment verpassen.
ANTI-FLAG. Das doppelte Lottchen, was die Optik angeht. Chris #2 und Justin Sane spiegeln ihre Posen und wiederholen sie unzählige Male. Genauso wie ihre Parolen.
THRICE. Schade, dass das der vorerst letzte Auftritt in Europa gewesen sein soll. THRICE ist eine der Bands, die live sowohl visuell als auch akustisch wirklich überzeugen.
7 SECONDS. Zwar ist die Stimmung im Publikum gut, aber überzeugen kann es mich nicht. Da merkt man, dass die Herren doch etwas in die Jahre gekommen sind. Aus fotografischer Sicht kein Grund, länger zu bleiben als ein Song.
SIMPLE PLAN. Warum ich mir die Band einen Song lang angeschaut habe, weiß ich noch immer nicht, aber es war Zeitverschwendung in jeder Hinsicht. Das Einzige, was hier festzuhalten war, sind die Plektren.
Garrett Dale. Im Merchzelt passiert ja sonst wenig, aber zur richtigen Zeit am richtige Ort spielt Garrett Dale von RED CITY RADIO vor einer Gruppe begeisterter Anhänger. Das sind die kleinen Momente, die das Festival unvergesslich machen.
Tom Gabel. Nachdem bekannt wurde, dass Tom Gabel zukünftig Laura Jane Grace heißen wird, sieht man die Fotos aus einem neuen Blickwinkel und es fallen die lackierten Nägel ins Auge. Zum Zeitpunkt des Fotos war das allerdings noch nicht wichtig. Es war einfach nur eine Freude zu sehen, wie der Sänger von AGAINST ME! mit Chuck Ragan und Co. auf der Bühne steht.
Chuck Ragan. Bei Chuck Ragan bleibt kein Auge trocken, und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich lieber mitgröle und meine Knie als Drumset missbrauche oder mir das Ganze in unzähligen Fotos als kleinen Schatz für Zuhause bewahren möchte. Da man sowieso nicht aus dem Zelt rauskommt, entscheide ich mich für beides.
REFUSED. Mit großer Spannung erwartet, reihen sich alle auf dem Festival anwesenden Fotografen am Eingang des Grabens auf. Der wird erst freigegeben, als die Band auf der Bühne loslegt. Bis dahin wird einem der Blick darauf durch einen riesigen Vorhang mit Bandlogo verweigert. Großes Gedränge um den besten Platz und den besten Shot, ständig tritt man auf irgendwelche Füße oder stößt gegen die Objektive der anderen. Das wenige Licht ist gerade genug, um die Hauptfiguren in Szene zu setzen. Alles andere versinkt in Schwarz. Gerade mit guten Spotlichtern kann man im impulsiven Bühnengeschehen Akzente setzen. Jede Bewegung wird bedeutungsvoll. Jeder Augenblick magisch.
GROEZROCK – My photos (Saturday).
| 18. Mai 2012 | Veröffentlicht von Thomas unter Blog |
Unglaublich, aber wahr: Fuze-Chefredakteur Thomas Renz war noch nie auf dem Groezrock – weil das belgische Festival immer kurz vor Druckschluss stattfindet und er deshalb schlicht keine Zeit hat, hinzufahren. Andere haben da mehr Glück. Lena Stahl zum Beispiel. Die war sogar so freundlich, uns eine Auswahl der Bilder zu schicken, die sie dort gemacht hat, und sie für uns zu kommentieren – ganz aus der subjektiven Sicht einer Fotografin.
HOSTAGE CALM. Eigentlich keine schlechte Band, um den Festivaltag zu starten, aber wenn man weder Kaffee noch ein kühles Bier zur Hand hat, will wenig Stimmung aufkommen, und wach wird man hiervon erst mal nicht. Nach einem Song ziehe ich weiter, Richtung Kaffee.
OFF WITH THEIR HEADS. So wird man wach! Und es scheint noch genügend andere Menschen zu geben, die das ähnlich sehen. Die Stimmung ist ansteckend. Vom Mitwippen geht es schnell zwischen die Leute, um mitzuspringen und das eine oder andere Foto zu machen. Später an diesem Tag wird Ryan [hier im Bild] als Katze geschminkt alle Leute, denen er begegnet, mit einem Miau grüßen.
MISS MAY I. Die Finger sind warmgeknipst. Das erste “First three songs”-Workout kann beginnen. Gute Energie auf der Bühne und davor. Von den Songs kriege ich nichts mit, weil visuell zu viel passiert – auch wenn sich die Posen immer wieder wiederholen. Auf den Fotos sehen sie gut aus.
Dustin Kensrue. Einen Dustin Kensrue bannt man nicht auf das Display seines iPhones. Weder optisch noch akustisch wird das die Stimmung, die er verbreitet, wiedergeben können. Eines der wenigen Sets, die ich mir komplett angeschaue. Auch wenn man sich hierzu wenig mitbewegen und nur die bekannten Songs seines Soloprojekts und die von THRICE mitsingen kann, geht man doch mit dem Gefühl raus, sich ein bisschen emotional verausgabt zu haben. Er verspricht, ein neues Soloalbum wird kommen. Irgendwann.
WE ARE THE OCEAN. Als wären vier Bühnen nicht genug, wird man alle zwei Meter aufs Neue beschallt. Dass es auf der MacBeth-Bühne auch ein offizielles Line-up gibt, bekomme ich erst mit, als mich der Sound von WE ARE THE OCEAN anlockt. Mist, die nächste Band beginnt in fünf Minuten. Die Zeit brauche ich, um bis zum anderen Zelt zu kommen. Okay, okay. Schnell ein paar Fotos machen, bevor ich weiterziehe.
EVERGREEN TERRACE. Hier wird nicht lange gefackelt. Auf die Bühne und los geht’s. Rechts, links, hoch, runter, ins Publikum. Fotografen und Security stehen sich im Graben gegenseitig schnell im Weg. Jeder will die beste Perspektive, das beste Licht, das beste Foto. Dazwischen dringen sogar ein, zwei Töne an mein Ohr, die mich das Ganze einem Song zuordnen lassen.
YELLOWCARD. Süß. Eine Geige. Sonst passiert wenig Spektauläres auf der Bühne, das man festhalten müsste.
THE DILLINGER ESCAPE PLAN. Fotografischer Hochleistungssport. Schlechtes bis kein Licht oder zu schnelle Wechsel. Die Band hat viel Energie mitgebracht und haut die auch direkt im ersten Song raus. Fokusieren ist eher Glückssache. Unscharf, schwarz, schwarz. LICHT. Unscharf. Anstrengend. Von den Songs bekommt man so nichts mit, weil man komplett darauf konzentriert ist, unter diesen Bedingungen ein gutes Fotos zu machen. Ich fühle mich schweißgebadet, obwohl ich nicht im Moshpit stand. Schade drum.
LIFETIME. Für viele ein Muss, für mich eher ein Nice-to-have. Nach einem Song ist es mir zu langweilig. Hier passiert zu wenig. Die Bühne scheint beinahe stillzustehen – vor allem nach THE DILLINGER ESCAPE PLAN. Auch das Publikum scheint die fehlende Energie der Band nicht ausgleichen zu können.
Garrett Klahn. Name: unbekannt. Band? TEXAS IS THE REASON. Ach so! Er erzählt jeden Song nicht nur mit Worten, sondern auch mit seiner Mimik, seiner Körperhaltung. Auch wenn man die Lieder nicht kennt, versteht man sie.
HEAVEN SHALL BURN. Groß, kraftvoll, ehrlich. Wenn sie die Bühne betreten, spürt man ihre Liebe zu dem, was sie machen, zu dem, was sie mitteilen wollen.Die Posen gleichen denen anderer Metalbands, scheinen aber nicht aufgesetzt, nicht abgenutzt. Wenn es eine Band schafft, ihre Leidenschaft, für das, was sie tut, so auf das Publikum zu übertragen wie HEAVEN SHALL BURN, macht es auch immer Spaß, sie zu fotografieren.
LAGWAGON. Eine Spaßband! Auch wenn sich Joey Cape seine Posen weniger bei Boybands abschauen sollte, gibt es die kleinen Momente, in denen er Grimassen zieht oder den Becher zum Anstoßen in die Luft reißt, die das Fotografieren spannender machen. Trotzdem bin ich nicht nur visuell schnell gelangweilt.
GALLOWS. Wo kommt denn auf einmal dieser Hass her? Hat Wade McNeil von Frank Carter einen Einführungskurs im Böse-Kucken bekommen? Macht er auf jeden Fall gut. Er setzt zwei Mal zum Stagediven an, wird zwei Mal nicht aufgefangen. Er steht sofort wieder auf der Bühne und zieht weiter seine Bahnen von links nach rechts und zurück, bis er auf die Knie sinkt und das Mikrofon den grölenden Fans entgegenstreckt. Jede Sekunde steht man hier unter Spannung: Gleich passiert was. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll, weil sich alles bewegt. Im Sekundentakt rennen Leute auf die Bühne und wieder runter. Nehmen mich beinahe mit. Steph Carter springt direkt neben mir in die Luft. Die Kamera kann nicht schnell genug fokusieren.
PARKWAY DRIVE. Die Performance mit Rollstuhl wird so schnell nicht getoppt werden können. Schöne Metalcore-Posen, aber der Spaß fehlt. Unentspannte Gesichter und wenig Lachfalten. Schade.
RANCID. Sie sehen hart aus und schauen grimmig. Das gibt wohl ein, zwei gute Fotos. Aber live doch leider eine Enttäuschung.
EVERY TIME I DIE – Live review.
| 8. Mai 2012 | Veröffentlicht von Dennis unter Allgemein |
01.05.2012 Köln, Underground. Eine der Touren mit dem hochkarätigsten Line-up zieht gerade durch Deutschland und macht den Auftakt in Köln. Und während für Festivals Regen und Sturm fatal ist, verhält es sich bei Clubshows gegenteilig. Sonnenschein und T-Shirt-Wetter füllt den Biergarten, und wären die Bands unbekannter oder gar lokalen Ursprungs, würden sich die Leute wohl erst zum Headliner ins Innere begeben. Trotz früher Ankunft verpasste ich MAKE DO AND MEND fast komplett. Es gibt nichts Enttäuschenderes als zu “Thank you, this is our last song” den Raum zu betreten, vor allem wenn dies von einer der vielversprechendsten Bands des Jahres ausgesprochen wird. “End measure mile” vertröstet mich jedoch auf den Spätsommer, wenn die Band mit LA DISPUTE und TITLE FIGHT wiederkommt. Sofort nach Ende des Sets beginnt die Reise nach Jerusalem für die Konzertbesucher, denn zwischen den Bands sollte sich das Underground wie durch ein Nadelöhr in den Biergarten entleeren, nur um sich dann zu den ersten Klängen der Bands wieder zu füllen. Natürlich war es heiß, aber dies hatte zur Folge, dass die Bands immer erst vor einer Handvoll Leuten ihr Set begannen, während sich die Leute wieder durch das Nadelöhr ins Underground ergossen.
So erging es auch SET YOUR GOALS, die sich mit einem großen Loch im Publikum vor der Bühne konfrontiert sahen, das sich aber auch nicht wirklich füllen wollte. Natürlich wurde die Band von mehr als nur ein paar Leuten abgefeiert, aber so richtig wollte der Funke nicht überspringen. Vor allem wenn man bedenkt, wie die Band auf ihrer Tour als Headliner im vorigen Jahr im gleichen Club ankam. So wurde zwar immer wieder der Circle Pit gefordert, aber mehr als fünf bis zehn Willige fanden sich meist nicht. SET YOUR GOALS jedoch sind Profis und lieferten ein solides Set ab, das ihrem guten Ruf als Liveband durchaus gerecht wurde. Dennoch tat es mir fast leid für SET YOUR GOALS.
Auch CANCER BATS begannen ihr Set in einem nur halbvollen Underground, der sich dann aber deutlich schneller als bei SET YOUR GOALS wieder füllte, und so ganz wurde man den Eindruck nicht los, dass die Kanadier für die meisten der heimliche Headliner waren. Songs wie “Sorceress”, “Hail destroyer” und das BEASTIE BOYS-Cover “Sabotage” waren die Highlights der Setlist, und die Band hatte an dem Abend auch mit Abstand den Preis für den fiesesten Basssound verdient. Erstaunlich, dass eine Band mit nur einem Gitarristen einen so runden und fetten Sound hinbekommt.
Ein weiteres Raus-rein-Spiel später fingen EVERY TIME I DIE ebenfalls vor halbleerem Haus an, und zu meiner Überraschung wurde es auch nicht mehr so richtig voll. Es bestätigte sich die Vermutung, dass viele eher wegen CANCER BATS da waren. Auch wenn EVERY TIME I DIE immer noch ein hervorragendes Set inklusive “The new black”, “We’rewolf” oder “Wanderlust” ablieferten, so blieben Band und Publikum doch hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht war es der Jetlag der Band, die Erinnerung an das grandiose Konzert im letzten Jahr, vielleicht die Temperaturen oder vielleicht waren alle am Wochenende zuvor beim Groezrock und deswegen noch eher konzertmüde. Wobei ich aber noch einmal betont haben möchte, dass ein mittelmäßiges EVERY TIME I DIE-Konzert immer noch um Längen besser ist als ein super Konzert einer x-beliebigen Metalcore-Band.
Dennis Meyer
Foto: Lena Stahl






































